Die Digitalisierung wird eines der Querschnittsthemen der nächsten Jahre in Unternehmen sein. Sie wird jedes Unternehmen unterschiedlich, manche mehr – manche weniger, betreffen. Alle Unternehmensbereiche (Produktion, Einkauf, Verwaltung, Vertrieb etc.) können/werden davon betroffen sein. Die Digitalisierung wird einige Produkte/Dienstleistungen bzw. ganze Unternehmen verdrängen und neue Produkte und Dienstleistungssegmente schaffen sowie neue Unternehmen hervorbringen. Jedes Unternehmen muss sein Geschäftsmodel auf den Prüfstand stellen und ggfls. verändern bzw. neu ausrichten.
Diese sich abzeichnenden starken Veränderungsprozesse werden Geld kosten. Die Höhe der Kosten wird sehr stark schwanken. Großunternehmen haben teilweise schon nennenswert investiert und budgetieren für die kommenden Jahre weitere hohe Summen in ihren Investitionsplänen. In kleinen und mittleren Unternehmen ist in der Regel bislang – bis auf klassische IT-Investitionen – kaum in Digitalisierung investiert worden.
Dies wird sich in den kommenden Jahren ändern müssen. Der Fokus der Investitionstätigkeit wird nicht nur auf Kapazitätserweiterung oder Effizienzsteigerung durch z. B. den Neubau von Produktionshallen oder die Anschaffung noch leistungsfähigerer Maschinen liegen.
Die Unsicherheit oder sogar Furcht, was die Digitalisierung für das eigene Unternehmen und den Markt, in dem sich das Unternehmen befindet, bedeutet, muss einem mutigen Handeln weichen, um die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens zu gewährleisten!
Am Ende einer strategischen Neuausrichtung werden für die meisten Unternehmen Investitionen u. a. in IT, Prozessveränderungen, Produktentwicklungen, Schulungsmaßnahmen etc. stehen. Diese zu finanzierenden Kosten, die ich als Investitionskosten in die Zukunft bezeichnen möchte, müssen je nach Größenordnung aus dem eigenen Cash-Flow bereitstehen oder kreditfinanziert werden.
Und damit kommen wir zum Thema der Finanzierung von Digitalisierungsprojekten.
Um zu verstehen, wo das Problem bei der Finanzierung durch Banken liegt, und um Lösungen zu finden, muss man die Vergabeprozesse ein wenig kennen.
Die Kreditvergabepraxis bei Banken ist nach wie vor stark „vergangenheitsorientiert“. Das bedeutet Banken beurteilen die Bonität in hohem Maße anhand von Vergangenheitszahlen aus Bilanzen und betriebswirtschaftlichen Auswertungen (BWA) und der Kontoführung. Diese Daten bilden die grundlegende Basis, die sogenannten „quantitativen“ Faktoren, für das Rating von Unternehmen.
Zukunftskonzepte und Planzahlen werden zwar auch angefordert und auf Plausibilität mit der Vergangenheit überprüft, aber diese Daten fließen nur in geringem Umfang in die Rating-Note ein. Sie runden lediglich das Gesamtbild der Bonität ab. Kommt es in der Bank aufgrund der Vergangenheitsdaten zu keiner positiven Bonitätseinstufung wird eine Finanzierung nur schwer zu bekommen sein. Umgekehrt werden bonitätsmäßig in der Vergangenheit starke Kunden auch Digitalisierungsfinanzierungen leichter bewilligt bekommen.
In Zeiten sich durch die Digitalisierung stark verändernder Geschäftsmodelle wird diese angewandte Praxis teilweise zum Problem, da die Zahlen der Zukunft eines Unternehmens stark von den Vergangenheitsdaten abweichen können und so eine Plausibilität nur noch bedingt entsteht.
Eine weitere gelebte Praxis ist die Tatsache, dass Banken tendenziell lieber `harte´ Assets wie Gebäude, Maschinen, Fuhrpark, Waren oder Forderungen finanzieren als sogenannte „weiche Kosten“. Wenn ein Unternehmen in der Zukunft nicht erfolgreich agiert und die Kredite nicht aus dem Cash-Flow zurückgezahlt werden können, kann die Bank die Kredite durch Verwertung der finanzierten Assets (Sicherheiten) zurückführen.
Die Kosten von Digitalisierungsprojekten werden sowohl `harte´ wie auch `weiche´ Kosten beinhalten. Da den Banken in dieser Mixtur Sicherheiten fehlen, stuft sie entsprechende Projekte aus ihrer Sicht als risikoreich ein.
Was ist also zu tun? Zunächst sollte sich jedes Unternehmen überlegen, welche harten Assets es benötigt und welche `weichen´ Kosten entstehen. `Weiche´ Kosten können dabei Anschaffung von Software, Schulungen für Mitarbeiter, Kosten externer Berater, Kosten von Produktionsausfallzeiten, Entwicklung neuer Produkte, Umstellung Vertrieb etc. etc. sein.
Es sollte in einem Konzept konkret schriftlich festgehalten werden, welche Effekte mit der Digitalisierungsinvestition erzielt werden sollen und die veranschlagten Kosten müssen einzeln quantifiziert werden. Mit einer Aussage: „Wir wissen nicht genau wie viel wir investieren müssen/wolle?!“ kann eine Bank nicht umgehen. Wenn eine urspr. Kostenschätzung sich später aufgrund nicht absehbarer Veränderungen anders darstellt, dann ist das halt so. Als nächsten Schritt sollte die zeitliche Abfolge skizziert werden. In vielen Unternehmen wird sich der Prozess der Digitalisierung über Jahre hinziehen und die Kosten der Firma sukzessive belasten.
Das Konzept sollte mindestens folgende Inhalte umfassen:
- Verbale Beschreibung was, warum und in welcher Zeit im Unternehmen verändert werden soll
- Quantifizierung der einzelnen Investitionen
- Vorschlag wie die Finanzierung erfolgen soll (ggfls. in Zusammenarbeit mit dem Steuer- oder
Unternehmensberater zu erarbeiten) - Darstellung der Auswirkungen auf die Zahlen des Unternehmens durch eine Ertrags- und
Liquiditätsvorschau (mind. 3 Jahre; bei länger laufenden Projekten entsprechend bis Ende
des Projektes)
Wie kann die Finanzierung gelingen?
Bei einer sukzessive über Monate/Jahre bestehenden moderaten Kostenbelastung wird es bei vielen Unternehmen ausreichen, wenn sie ihre `normalen´ Investitionen in Maschinen, Inventar, Gebäude etc. in hohem Maße (also bis zu 100 %) über Banken refinanzieren und dabei lange Kreditlaufzeiten wählen. Durch eine derartige Finanzierungsstrategie ist aus den regelmäßigen Gewinnen (bzw. dem Cash-Flow) oftmals entsprechend ausreichend Kapital vorhanden, um die Digitalisierungskosten sukzessive aus eigener Kraft bezahlen zu können (Eigenfinanzierung). Für bestehende (zu kurzfristige) Finanzierungen kann ggfls. sogar eine Tilgungsstreckung mit der Bank verhandelt werden.
Sollten die Beträge für die `weichen´ Kosten höher sein und die Bank tut sich (aufgrund fehlender Sicherheiten) schwer ein Finanzierungsrisiko für entsprechende Projekte einzugehen, müssen Ersatzsicherheiten beschafft werden.
Diese Ersatzsicherheiten können aus dem privaten Umfeld (Family & Friends) gestellt werden, aber es gibt auch öffentliche Institutionen wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die z. B. beim ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit (aber auch bei anderen Kreditvarianten) der Hausbank bis zu 70 % des Risikos durch eine sog. Haftungsfreistellung abnimmt. Bei den Förderbanken der Länder bestehen teilweise darüber hinaus weitere Kreditprogramme.
Alternativ verfügt jedes Bundesland auch über Bürgschaftsbanken, die den Hausbanken das Risiko bis zu 80 % des Kreditbetrages abnehmen und die für den Bankkredit eine Sicherheit in Form einer öffentlichen Bürgschaft stellen.
Für eine Bezuschussung von Beratungskosten bestehen zudem teilweise auch kleine Zuschussprogramme mit denen Beratungskosten bezuschusst werden (z. B. „go-digital“ vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie).
Für einzelne Projekte können darüber hinaus auch neue Finanzierungslösungen, die aktuell am Markt angeboten werden, sinnvoll sein. Diese neuen Anbieter – auch Fintechs genannt – sind in aller Regel aber meist teurer als die vorgenannten Lösungen über die KfW oder die Bürgschaftsbanken. In den kommenden Jahren wird das Angebot an alternativen Finanzierungslösungen zu Bankfinanzierungen aus meiner Sicht weiter wachsen. Hier bleibt die Entwicklung zu beobachten.
Fazit: Die Kreditvergabepraxis in Banken funktioniert nach wie vor recht klassisch. Das Kernproblem sind – bei ausreichender Bonität des Unternehmens – die fehlenden Kreditsicherheiten. Hier gibt es Alternativen. Allerdings bedarf es in jedem Fall eines guten Konzeptes, um die Bank für eine Finanzierung in sich verändernde Geschäftsmodelle und Prozesse zu gewinnen.